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Mittwoch, 23. Juli 2003, 00.00 Uhr

»Vielen Dank für diese phantastische Musik«

Der Jazzclub Neue Tonne Dresden entsandte das Micha Schulz Trio plus Erika Bosse sowie die »Hiccups« zum Festival Boskovice 2003

Boskovice – ein kleines, beschauliches mährisches Städtchen zwischen Brno (Brünn) und Olomouc (Olmütz) – erlebte Mitte Juli wieder eine Besucherflut: Zum zehnten Mal kamen Musikfans aus allen Teilen Böhmens und Mährens, um das Boskovice-Festival zu besuchen. Dicht belagert waren vier Tage lange der Park rund um Schloss, Museum und um das 1200 Menschen fassende Sommerkino sowie die Waldungen an der auf dem Berg gelegene Burgruine. Scharen von Tramper-Typen mit Räucherstäbchen bevölkerten die schattigen Fleckchen unter den alten Bäumen am alten, aber charmant renovierten Marktplatz und die Gässchen in und um das wieder rekonstruierte ehemalige jüdische Schtetl, in dem die kleine, vollständig sanierte Synagoge das Zentrum bildet. Und Schtetl mit Synagoge waren auch der Anlass für die Gründung des Festivals, bei dem »alle Musikformen, die man nicht im herkömmlichen Dudel-Pop-Radio hören kann, ihren Platz finden sollen«, wie Cestmír Hunát, Chef der das Festival ausrichtenden Vereinigung UNIJAZZ, betont. Anfang der neunziger Jahre nämlich bestand die akute Gefahr, dass das Schtetl endgültig ver- bzw. gar zerfällt und abgerissen werden muss. Mit dem Festival wollte man landesweit Aufmerksamkeit auf diese Gefahr lenken und so zur Rettung des Schtetls beitragen. Wenn man heute durch die Gassen schlendert oder auf ein Bierchen in einem der Kneipchen sitzt, kann man nur bestätigen: Hut ab, es ist (fast) geschafft.

Aus Dresdner Sicht hatte der heurige Festivaljahrgang etwas ganz Besonderes: mit dem Michael Schulz Trio (zum Quartett verstärkt durch die Pianistin Erika Bosse) und der Magdeburger Ska- und Rocksteady-Band »Hiccups« (wie Hicc-Ups, die »Schluck-Aufs«) hatte der Jazzclub Neue Tonne zwei Bands als ersten deutschen Beitrag überhaupt zum Festival entsandt. Allen war bang – würde diese Art von Musik vom Publikum angenommen werden inmitten von Death Metal, Hard- und Bluesrock, Folklore und Klezmer? – Sie wurde! Der Auftrittsbeginn der »Hiccups« auf der großen Freilichtbühne verzögerte sich zwar bis 1 Uhr nachts, aber mit Songs wie »We do«, »Lion is a cat« oder »Mom says« hatten die Bördebuben die Menge sofort auf ihrer Seite: Begeistert stürmte das Publikum den Bühnengraben und tanzte, bis die Sicherheitskräfte dem Einhalt geboten. Auch Micha Schulz (sax) hatte es mit seinen Drummern Mario Meusel und Stefan Schrammel sowie mit Erika Bosse anfangs auf der kleinen Bühne neben dem Museum schwer – auch diesmal wurde der Konzertbeginn von den Organisatoren so weit verschoben, so dass ein Teil des Publikums von der kleinen Museumsbühne bereits zur großen Freilichtbühne abwanderte, um dort den tschechischen Blues- und Jazzrock-Gitarrenhelden Luboš Andršt nicht zu verpassen. Doch Schulzens Team überstand dies nicht nur, sondern zog schon nach dem zweiten Stück mit seiner Melange aus kraftvoll-diffizilen Rhythmen, Freejazz-Saxofon und skurril-kargen, perkussiven E-Piano-Linien alle Verbliebenen in seinen Bann. So was hatte dieses Festival-Publikum wohl noch nicht gehört – eine intellektuell anspruchsvolle Musik, bei der man trotz aller Polyrhythmik sogar mitklatschen und tanzen konnte! Immer enger zog sich der Ring des anfangs distanzierten, dann schier grenzenlos begeisterten Publikums um die kleine Bühne der Musikanten, und nach erklatschten Zugaben hagelte es Fragen nach (leider noch nicht verfügbaren) CDs und Internetadressen. »Vielen Dank für diese phantastische Musik und guten Aufenthalt noch in unserem Land wünsch ich«, fasste eine kulleräugige Studentin ihre Emotionen bei den Musikern nach dem Konzert zusammen. Mittlerweile schmieden UNIJAZZ und der Dresdner Jazzclub Neue Tonne für nächstes Jahr schon wieder gemeinsame Pläne. Vielleicht wird es dann sogar eine kleine ständige Jazzbühne während des Festivals geben, von den Dresdnern künstlerisch betreut.

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Mathias Bäumel

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